Die Expo ist vorbei. Nach drei (oder mehr) Tagen Feiern kehrt die Branche erschöpft von ihrem Hochamt zurück. Ein paar Tage braucht es dann, um die ganzen Ergebnisse zu sortieren und einzuordnen. Daher diese Nachlese mit etwas Abstand.

Nach vielen Betrachtungen über die PropTech-Branche  bietet die Expo die Gelegenheit, einen Einblick in das zu bekommen, was die „Old Economy“ in Sachen Digitalisierung so treibt. Natürlich ist das Kerngeschäft weiterhin das Investieren, Bauen, Handeln und Betreiben von Immobilien. Ganz offenbar verbreitet sich aber die Kunde, das das Geschäft mit der Information zum Kerngeschäft gehört und dass gut beraten ist, wer sich frühzeitig um seine Daten kümmert. Dazu gleich mehr.

Die Messe selbst hält sich bei unserem Thema weiterhin vornehm zurück. Sie hat verkündet, dass das Thema Brexit im Vordergrund stand. Sicher, das ist auch ein interessantes Thema. Allerdings ist das alles auch noch ein wenig Dunkeltuten, weil ja bekannterweise noch nicht so ganz klar ist, wohin die Brexit-Reise geht. Wenn sie denn überhaupt beginnt. Jedenfalls verstärkt diese Mitteilung den Eindruck, dass die Messe weiterhin lieber die Old Economy-Themen spielt. Das Messe-Programm warf neun Veranstaltungen zum Thema Digitalisierung aus, drei zum Thema BIM. Einen guten Teil davon als Aussteller-Veranstaltungen. Die meisten davon mit dem Thema Digitalisierung noch recht allgemein beschäftigt. Spezialveranstaltungen zu Big Data, VR, Data Mining? Vereinzelt. Und: Liebe Messe, Ihr habt noch so viel Platz frei. Warum könnt Ihr nicht den PropTechs für kleines Geld ein paar Flächen zur Verfügung stellen? Die Förderung dieses jungen Sproßes unserer Branche steht also bisher nicht im Vordergrund der Bemühungen der Messe. Kleiner Vergleich mit der nächste Woche anstehenden MIPIM UK fällig? Hier das Konferenzprogramm.

Zurück zu unserer Frage. Was treibt die Old Economy in Sachen Digitalisierung? Zur Vermeidung eines subjektiven Eindrucks aus den wenigen hundert Gesprächen, die während der Messetage möglich waren, sei an dieser Stelle eine Studie vorgestellt, die Ernst & Young und der ZIA auf der Messe präsentiert haben. Wie das oft so ist, tun sich die großen Beratungsunternehmen ja schwer, ihren Kunden einmal so richtig gegen das Schienbein zu treten. So liest sich die Studie recht nett – die Spin-Doktoren haben gute Arbeit geleistet. Trotzdem lohnt die Studie. Hier die Zusammenfassung:

1. Über 90 Prozent der befragten klassischen immobilienwirtschaftlichen Unternehmen identifizieren für sich das Thema Digitalisierung als sehr relevantes Handlungsfeld.
2. Die PropTech-Szene kann dazu beitragen, den Umsatz der etablierten Marktteilnehmer signifikant zu erhöhen.
3. Daten und Informationen liegen bei über 70 Prozent der Befragten digital und strukturiert vor. In fünf Jahren wird diese Quote bei nahezu 100 Prozent liegen.
4. Maßgebliche Trend beim Einsatz digitaler Technologien werden in den Bereichen Datenstrukturierung, Big Data, Data Mining, mobile Arbeitsgeräte und Cloud-Technologien erwartet. Insbesondere PropTechs sehen großes Potential im Einsatz von Smart Contracts.
5. Klassische immobilienwirtschaftliche Unternehmen entwickeln Prozesse, Systeme und Produkte im der Bereich der Informationstechnologie immer stärker von der Supportfunktion zur Kernkompetenz.
6. Mobile Arbeitsgeräte sind derzeit und künftig die bedeutendsten Instrumente der klassischen immobilienwirtschaftlichen Unternehmen.
7. Insbesondere Cloud-Technologien und virtuelle Datenräume werden in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen, aber auch digitale Plattformen, Smart Contracts und Augmented Reality rücken in den Fokus der klassischen immobilienwirtschaftlichen Unternehmen.
8. Künstliche Intelligenz und Block Chain haben bei PropTech-Unternehmen derzeit eine wesentlich größere Bedeutung als bei klassischen immobilienwirtschaftlichen Unternehmen.
9. Den größten Mehrwert durch den Einsatz digitaler Technologien sehen die klassischen immobilienwirtschaftlichen Unternehmen im Bereich der Effizienzsteigerung ihrer Kernprozesse.
10. Nur wenige klassische immobilienwirtschaftliche Unternehmen befürchten eine Disruption ihrer Geschäftsmodelle durch digitale Technologien.
11. Die Immobilienwirtschaft sieht im Fachkräftemangel und in den fehlenden personellen Ressourcen die größten Hürden, um ihre Digitalisierungsstrategie erfolgreich umsetzen zu können.
12. Die qualitativen Flächenanforderungenfür alle Nutzungsarten werden sich deutlich erhöhen.

Wenn man mal Nr. 1 als Selbstverständlichkeit stehen lässt (muss aber offenbar immer noch abgefragt werden) und sich über die Erkenntnis Nr. 2 freut, wird es ab Nr. 3 interessant. Dass bei über 70 % der Befragten sämtliche Daten strukturiert vorliegen, steht in verhältnismäßig starkem Kontrast zu den Aussagen, die man in persönlichen Gesprächen so erhält. Für die Standardaufgaben und -prozesse mag das evt. annähernd zutreffen, ansonsten beschäftigt das Datenchaos zahlreiche Berater und Organisationen wie z.B. die gif mit mehreren Ausschüssen. Spannend Nr. 4, vor allem wenn man sie ins Verhältnis setzt zu der Zahl der bestehenden Geschäftsmodelle der PropTechs: Letztere tummeln sich bekanntermaßen bisher überwiegend im Wertschöpfungsbereich (Wohnungs-) Vermarktung, während die Nachfrage offenbar woanders besteht. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum Datenstrukturierung, Data Mining, etc. so ein starker Trend sein soll, wenn bei den (befragten) Unternehmen doch bei Thema Datenstrukturierung angeblich alles so Supi ist… Beachtenswert Nr. 5 und 9, wobei sich dieser Trend offenbar noch nicht so richtig in der organisatorischen Aufstellung widerzuspiegeln scheint: Chefsache ist Digitalisierung bei 35 % der klassischen Immobilienunternehmen. Das mag schon viel besser sein als noch vor zwei, drei Jahren, es ist immer noch zu wenig.

Ansonsten bestätigt die Studie wie so oft, was man als „gut feeling“ schon immer glaubte zu wissen. Auch, dass man der Branche mit der Verbreitung von Disruptionsangst nicht so richtig beikommt. Eigener Eindruck: Auch die PropTechs haben mittlerweile verstanden, dass sie sich besser als Technologiedienstleister denn als zukünftige Herren der Immobilienwelt verstehen. Alamierend ist Nr. 11. Das habe ich auf der Expo auch immer wieder gehört. Zuweilen auch in der Variante, dass die vorhandenen Mitarbeiter für noch mehr Digitalisierung schwer zu motivieren seien. Mit Verlaub, meine Herren. Das ist in Ihrer Hand! Immobilienunternehmen benötigen ja keine Heerscharen von Programmierern. Die meisten wären schon froh über den ein oder anderen Datenanalysten. Bei entsprechender Nachfrage dürfte sich dieser Bedarf durchaus decken lassen. Die Jungen lassen sich im Übrigen ganz gut für Technologiethemen motivieren, nach allem, was man hört. Nr. 12 passt nicht so recht ins digitale Bild, ist aber interessant. Leider wird nicht gesagt, welche qualitativen Änderungen bei der Flächennutzung gemeint sind. Das dürfte die „brick and mortar“ – Fraktion interessieren.

Die Studie gibt noch eine Menge mehr her. Genaueres Studium daher sehr empfohlen. Mein eigener Eindruck von der Messe, sofern noch nicht in den Kommentaren oben enthalten: Digitalisierung findet nicht nur in den Köpfen statt, aber Strategien und Gesamtkonzepte sind noch selten. Bei den meisten wird hier und da ein einzelner Prozess digitalisiert und mal ein neues Produkt ausprobiert. Auch feststellbar: Innovationen finden nicht nur im Bereich der Digitalisierung statt, sondern auch sonst in großer Zahl. Das wäre eine eigene Betrachtung wert. Fazit somit:

1. Liebe Messe München, seht zu, dass Euch andere Messen nicht den Rang bei diesem Thema ablaufen. Ein eigenes Digitalisierungs-Forum und Platz für PropTech-Unternehmen würde der Bedeutung des Themas mehr gerecht als einzelne Veranstaltungen in zu kleinen Konferenzräumen off the beaten track.
2. Liebe Immobilienunternehmen: Weiter so, vielleicht mit ein wenig mehr Dampf im digitalen Bereich. Ansonsten muss sich die Branche mit ihren Innovationen nicht verstecken.
3. Liebe PropTechs: Ihr wißt, wo es lang geht. Marktplätze und Vermarktungstools gibt es mittlerweile. Jetzt müssen die höher hängenden Früchte gepflückt werden. Es wird sich lohnen.

EXPO Nachlese: Ein bißchen Digitales

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