Manchmal ist es ziemlich lustig, wenn die „Gesetze“ der großen Medienwelt sich im noch kleinen PropTech-Universum breit machen. Da wird aus jedem zarten Pflänzlein, was da blüht, ein Hype, im Start-Up Jargon eine Disruption gemacht. Wenn dann das Pflänzlein doch nicht so oder so rasch gedeiht, wie erhofft, macht sich Entäuschung breit. Erst hochgeschrieben, dann fallen gelassen, um die nächste Entwicklung zu hypen. Das mag man schulterzuckend als gängige Praxis hinnehmen. Ärgerlich ist es zuweilen doch, jedenfalls dann, wenn es verhindert, dass das Pflänzlein sein Potenzial entwickelt. Mächtig hochgeschrieben wird derzeit Virtual Reality (VR) und ihr Begleiter Augmented Reality (AR).

Dem Laien begegnet VR und AR schon heute überall. Die Bilder von mehr oder weniger kleidsamen VR-Brillen auf Technikmessen oder in die eigene Brille eingebaute Assistenzsysteme, die einen ununterbrochen mit vermeintlich hilfreichen Informationen versorgen, begegnen einem überall. Man selbst kann sich noch nicht so recht mit so einem Ding vorstellen, zumal sie sich scheinbar in erster Linie für gut-verdienende Spätpubertierende zu eignen scheinen. Doch was ist für professionelle Nutzer dran am VR-Nutzen, sagen wir etwa für Immobilienunternehmen?

Das PropTech-Ökosystem  listed derzeit 16 VR-/AR-/3-D-Start Ups auf. Man muss schon einiges zusammenwerfen, um wenigstens auf diese Zahl zu kommen.  Tatsächlich ist die VR-Branche schon wesentlicher größer und reifer. Die Immobilienbranche hat die Überzeugungskraft von Modellen früh für sich entdeckt – streng genommen, wenn auch nicht virtuell, schon von vor hunderten vor Jahren. Architekten können ihre Planungen schon länger visualisieren und ihren Kunden – abhängig vom CAD-System – mehr oder weniger gelungene 3-D-Ansichten anbieten. Deshalb dürften sich die Damen und Herren wundern, dass jetzt, wenn auch auf höherem technischen Niveau, virtuelle Immobilienrundgänge zum letzten Schrei erklärt werden. Das liegt nicht nur daran, dass sich die Maklerhäuser des Themas bemächtigt haben. Auch die Technologie hat Qantensprünge vollzogen.

Einer davon heißt „fotorealistisch“ und ist weit mehr als ein 3-D-Darstellung eines Gebäudes oder von Innenräumen. Tatsächlich beamt man sich in eine Welt, die natürlich manipuliert, aber auch erstaunlich realistisch ist. Das ist etwas Anderes als die mehr oder weniger erkennbar computeranimierten Rundgänge, die man hinreichend kennt. Allerdings stellt sich dem geneigten Käufer die Frage, ob das, was man sieht, auch das ist, was man später bekommt.

Der zweite Quantensprung sind „immersive“ VR-Technologien. Sie erlauben nicht nur ein Betrachtung der virtuellen Realität von außen, sondern machen den Betrachter zu einem Teil der virtuellen Realität. Sogar eine Interaktion mit dem, was er sieht, ist möglich. Der Betrachter bewegt sich gleichsam durch ein Gebäude und nimmt es aus dieser Perspektive wahr.

Interessant ist VR nicht nur für Verkäufer und Vermarkter von Immobilien. Deren Interesse ist, eine evt. auch noch nicht bestehende Immobilie für die potentiellen Käufer im besten Licht dazustellen. Interessant ist die realitätsgenaue Darstellung ihrer eigenen Räumlichkeiten aber auch für zahlreiche Eigentümer selbst. So werden Museen, Flughäfen, Messen, Möbelhäuser und Produkutionshallen gescannt und digitalisiert. Damit kann sich damit der Besucher vorab orientieren oder geschlossene Ausstellungsteile besichtigen, Handwerker und andere Dienstleister können zielgenau an diejenigen Punkte delegiert werden, an denen sie ihre Aufgaben erfüllen sollen. In Zeiten, in denen das realitätsgenaue Aufnehmen einer Immobilie lediglich eine Angelegenheit von ein bis zwei Tagen ist, scheint der Nutzen die Kosten zu überwiegen. Das alles klingt in der Tat recht nützlich.

Building Information Modelling ist streng genommen ebenfalls eine Virtual Reality Spielart, wenn auch schon etwas anspruchsvoller. Und eigentlich geht es auch weniger um das Ergebnis, das mehr oder weniger realistisch aussehen darf, solange der Inhalt stimmt. Content ist das, wonach die VR-Branche ja händeringend sucht, wenn die Technologie bald für jedermann darstellbar ist. Halten wir also fest, dass jedenfalls in dieser Hinsicht die Bau- und Immobilienbranche schon weiter ist.

Noch etwas anspruchsvoller als Virtual Reality ist Augmented Reality. Hier wird nicht eine komplett eigenständige virtuelle Welt erzeugt, sondern die Realität um Informationen ergänzt. AR ist streng genommen schon das Einblenden statistischer Auswertungen während eines Fußballspiels. Weiter entwickelte Technologien erkennen selbständig die räumliche und zeitliche Dimension, in der sich der Betrachter befindet und stellt Informationen bereit, die darauf Bezug nehmen. Den Kunden ermöglicht AR, Möbel virtuell in seine Wohnung zu stellen (Bsp. Ikea) oder Kleidung virtuell anzuprobieren (virtual dressing). In der Bauwirtschaft werden AR-Techniken bereits verschiedentlich eingesetzt, um verborgene bauliche Verhältnisse – im Untergrund oder hinter Wänden – darzustellen. Oder um einen baulichen Soll-Ist-Vergleich durchzuführen: Der Betrachter kann die tatsächlichen Verhältnisse mit den Planungsanforderungen abgleichen. Früher lief der Architekt mit einem Plan in der Hand durch den Bau, heute wird ihm der Plan im besten Fall auf seine Brille gesendet. Eher für die Vermarktung geeignet, aber immer wieder verblüffend ist die Schaffung von 3-D-Modellen aus einer analogen Bildvorlage durch ein smart device. Schaun Sie sich einmal ein paar Videos auf YouTube zum Thema AR und Property an.

Es lässt sich also nicht mehr sagen, dass die VR-/AR-/3D-Technologie noch in den Kinderschuhen steckt. Und auch nicht, dass sie keinen Nutzen stiftet. Use cases gibt es reichlich. Jedenfalls macht man es sich zu leicht, wenn man die mittlerweile häufig angebotenen virtuellen Hausbegehungen als Spielerei abtut. Aber auch die Träumerei mancher Vermittlungsplattform, die Wohnungsanmietung oder den – erwerb als vollständig digitalisierbaren Prozess zu betrachten, führt zu weit. Am Ende ist jeder Wohnungssuchende gut beraten, das Objekt seiner Wahl noch einmal höchstpersönlich in Augenschein zu nehmen. Denn: VR und AR zeigen nur, was sie zeigen wollen. Und: So gut wie das Zusammenspiel all unserer Sinne sind die schicken neuen Technologien dann auch wieder nicht. Trotzdem darf man darauf vertrauen, dass VR & Co. den Medienhype überleben werden. Dafür ist es zu praktisch.

Virtual Reality & Co.: Hype oder Rohrkrepierer?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.