Bei der Digitalisierung weiß man ja nie so ganz genau, ob man sich gerade noch in der Steinzeit oder schon im 3. Jahrtausend befindet. Während unser Thema am einen Ende der Skala gelegentlich noch mit dem Betrieb einer Website oder dem Versenden von E-Mails gleichgesetzt wird, zeichnen sich am anderen Ende Entwicklungen ab, die man auch nach längerem Studium nicht so ganz versteht. Zwischen diesen Extremen bewegt sich auch die Immobilienwirtschaft.

Lassen wir die Niederungen der Technik einmal unter uns und schauen uns in den noch sehr luftigen Höhen um: „Blockchain“ ist das gerade das Catchword schlechthin. Wissen Sie, was das ist? Da war doch irgendwas im Zusammenhang mit dieser eigenartigen und zwischenzeitlich einmal gründlich desavouierten Kryptowährung namens Bitcoin. Von irgendeinem Nerd erfunden und überwiegend von Gangstern genutzt – so der oberflächliche Eindruck. Und das hat jetzt etwas mit Immobilien zu tun?

Hat es. Mittlerweile gibt es dazu sogar einen – nicht von Deutschen gegründeten – Verband, die International Blockchain Real Estate Association, die ein oder andere Konferenz und eine Deloitte-Studie, in der die Blockchain zum nächsten „Game Changer“ der Immobilienbranche erhoben wird. Es muss also ernst sein. Aber was zum Teufel ist Blockchain?

Ehrlich gesagt, so ganz genau verstehen das vermutlich nur sehr wenige Leute. Beschäftigt man sich ein wenig damit, wird die Sache etwas weniger mystisch. In der Blockkette werden verschlüsselte Informationsblöcke z.B. über Werte wie Geld (Bitcoin) oder eben auch Immobilien so miteinander verknüpft, dass sich eine Kette von Transaktionen ergibt, aus der sich die Herkunft und Identität des Wertes eindeutig und revisionssicher ergeben. Im Grunde eine Art Buchführung mit der Besonderheit, dass die Blocks und ihre Geschichte auf einer Vielzahl von miteinander kommunizierenden Rechnern zu finden sind, so dass eine Manipulation praktisch ausgeschlossen ist. Alles klar? Nein, mir auch bisher nur ganz grob. Wer es ganz genau wissen will, muss sich mit Kryptograhie und peer-to-peer Netzwerken befassen, was einigermaßen mühsam ist.  In der Finanzbranche, die guten Grund hat, die Blockchain zu fürchten, haben sich die großen Player schon zusammengetan, um das Phänomen und seine Auswirkungen zu studieren.

Über die diversen Vorteile, die Immobilientransaktionen über die Blockchain haben sollen, wird Folgendes gesagt: Die Sache sei betrugssicher, schnell, transparent und unter Ausschluss diverser kostspieliger „Knoten“ wie Notare, konsequenterweise wohl auch Grundbücher und andere Sicherungseinrichtungen durchzuführen. Überhaupt könne in Zukunft auf alle möglichen Intermediäre verzichtet werden (daher die Sorge der Banken).

Viel dieser Begeisterung scheint aus angelsächsischen oder anderen Ländern zu kommen, wo die Verifizierung der „Herkunft“ von Immobilien noch immer mit hohem Aufwand verbunden und so kostspielig und zeitaufwendig ist, dass sogar die deutsche Transaktionsgeschwindigkeit wettbewerbsfähig ist. Mit anderen Worten: Wir haben das Herkunfts- und Identitätsproblem nicht, auch wenn das Zusammentragen von Informationen über Immobilien noch immer ein mühsamer Prozess ist.

Alle anderen Vorteile, wenn sie denn entstehen, lassen sich aber hören. Um Missverständnisse zu vermeiden: Noch sind reine Blockchain-Transaktionen mit deutschem Recht nicht vereinbar. Jedenfalls muss am Ende die Eintragung im Grundbuch stehen. Doch wenn sich herausstellt, dass sich unsere althergebrachten Institutionen tatsächlich durch geschickt vernetzte Rechner ersetzen lassen, ohne dass die gewünschte Rechtssicherheit darunter leidet, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, wann diese Einrichtungen in Frage gestellt werden. So wie Geld bald ohne Einschaltung von einem halben Dutzend mitkassierender Banken von Bank A zu Bank B im Ausland überwiesen werden wird, so können auch Immobilien irgendwann, wenn alle Fragen geklärt sind, einfach von Verkäufer A an Käufer B „überwiesen“ werden. Warum nicht?

Allen digitalisierungsgestressten Immobilienunternehmern sei zur Beruhigung jedoch gesagt, dass selbst die Blockchain-Propheten nicht davon ausgehen, dass der Wandel sich sehr schnell vollziehen wird. Da es ohne Vater Staat und eine Reihe gravierender Gesetzesänderungen nicht geht, kann man sich darauf auch verlassen. Der, das darf ich aus eigener Erfahrung sagen, hat genau Null komma Null Interesse daran, dass sich die Umschlaggeschwindigkeit von Immobilien nennenswert erhöht. Wenn Immobilien bald wie Wertpapiere gehandelt werden, werden sich auch die Preisüber- bzw. untertreibungen in gleicher Geschwindigkeit vollziehen. Ein Albtraum für viele, die Immobilien noch immer als stabilisierenden Faktor einer Volkswirtschaft sehen.

Gemach also: Blockchain ist spannend, aber weder ein technologisches Wunder noch in absehbarer Zeit eine disruptive Zeitbombe für die Immobilienbranche.

Entmystifiziert: Block Chain und Immobilien