Die Cote d’Azur hat ihre angenehmen Seiten. Die Versuchung ist also groß, seine Zeit lieber dort als in Mittelniedersachsen zu verbringen. Und der größte Teil der (Investment-) Branche erliegt ihr; mancher ohne recht zu wissen, warum. Denn die Deals werden ja angeblich später auf der Expo Real gemacht.

Hannover ist da weniger sexy. Aber da aus der Immobranche sonst praktisch niemand da ist, auch nicht die zweite Reihe, ist es vielleicht innovativer, sich dort umzuschauen, als mit der € 125 Languste zwischen den Zähnen im tristen Palais des Festival herumzulaufen. Schmalzbrot tut’s auch – mal.

Was also hat die größte Digitalmesse der Welt der Immobilienbranche also zu bieten? Gibt man den Begriff „Immobilien“ in die Suchmaske ein, erscheinen immerhin 121 Alle (was auch immer), 78 Aussteller, 1 Event („ECM beginnt beim Scan“!) und 15 Artikel. Nicht schlecht, mag man denken. Bei näherer Betrachtung gehören zu den Ausstellern aber zumeist allgemeine Dienstleister, wie die Stiftung Warentest, Datev und IBM mit Watson, seinem kognitiven Superrechner, der sowieso alles kann, und ein paar Softwarehäuser, die schlau genug waren, Immobilien in irgendwelche Masken einzutragen. Außerdem werden manche Unternehmen doppelt gezählt. Kurz, das Ergebnis ist ernüchternd.

Aber gut, das muss einen nicht schrecken. Machen wir uns auf die Suche nach technische Innovationen, die die Immobilienbranche für sich wachküssen kann. Erste Aufgabe: Wo auf dem Riesengelände könnte sich Immobilienrelevantes verstecken. Irgendwie hinter allen Themen und Abkürzungen (über die man eine Menge lernen muss, um sich unterhalten zu können): ECM, ERP, HR und BI, IoT sind da noch Grundbegriffe. Was verbirgt sich etwa hinter „Planet Reseller“? Muss man sich Sorgen machen?

Nach der Kapitulation vor dem Versuch, einen Plan zu entwickeln, zurück auf Start. Beginnen wir einfach in Halle 2: Belegt zur Hälfte durch IBM und Watson, der alle Probleme dieses Planeten lösen zu können scheint. Und siehe da, zwischen all den Hochleistungsmaschinen und Anwendungsmöglichkeiten steht – seltsam haptisch – ein (sehr) kleines Modell eines Wohngebäudes. Dort darf man auf Knöpfe drücken und verschiedene Lichtlein zeigen einem die Platzierung diverser Sensoren im Haus an. Drei davon alleine im Schlafzimmer und Bett!  Erklärung? Fehlanzeige. Was Watson damit wohl anstellt? Das Ganze wirkt eigenartig low tech und unmotiviert, ein wenig wie im Museum. Also weiter zum nächsten Großanbieter. Aus Asien. Vielversprechend: Eine ganze Abteilung Smart City! Doch offenbar verstehen Asiaten unter Smart Cities offenbar in erster Linie Städte, die sicher sind und in denen man jede Person bis nach Hause mit Kameras verfolgen kann. Big Brother wäre neidisch. Wenn Totalüberwachung smart ist, dann sind uns die Asiaten weit voraus. Immerhin gibt es etwas zu Trinken, ohne dass man sich als Aussteller ausweisen muss.

Nächste Halle: Business Intelligence, Datawarehousing, erstaunlich wenig Big Data (ist wohl von Watson erledigt worden – oder vom neuesten Trend der Data Minimization). Dutzende Anbieter bieten weltweit einmalige Produkte an, die für alle Anwendungen geeignet sind. Die Frage bleibt unbeantwortet, ob all diese Breitband-Produkte auch für Immobilien geeignet sind. Meine Vorstellung als Immobilienbranchenvertreter löst in den Augen des freundlichen Standpersonals erkennbar Hilflosigkeit aus. Wenn das alles so einfach ist, wie es die IT-Branche verspricht, warum funktioniert dann so wenig wirklich gut?

So geht es weiter. Eines der wenigen Highlights: Commerce. Online-Shopping leidet ja u.a. darunter, dass man nie weiß, ob die Klamotten auch passen. Das löst zahlreiche Rücksendeaktionen aus, unter denen die Bilanzen der Zalandos dieser Welt leiden, jedenfalls wenn die Kosten vom Händler getragen werden. Lösung: Schaffe eine Avatar von Dir, indem Du vom Plattfuss bis zu den Segelohren alles exakt vermessen lässt, und probiere die Klamotten virtuell an, bevor Du sie kaufst. Wieder eine dieser Retail-Entwicklungen, die jedem Nicht-Early-Adopter ein wenig unwohl werden lassen. Zahlt der Avatar auch irgendwann für mich?

Zum Schluss noch eine nette Begegnung mit einem echten PropTech-Unternehmen, das sich auf die CeBit verirrt hat. Mitten in Halle 11 hat shareDnC seinen Stand aufgebaut und wartet auf Kundschaft. shareDnC („share Desk ’n Coffee“) ist eine dieser Ideen, bei denen man sich fragt, warum man selbst nicht schon früher darauf gekommen ist: Vermittlung der Untervermietung von freistehenden Büroflächen. Das airbnb (die lautmalerische Ähnlichkeit ist sicher kein Zufall) für Büroräume sozusagen. Kein Co-Working Space-Anbieter nach eigener Auskunft, trotz der Kaffee-Anspielung. Aber eine nette Alternative. Wenn man etwas länger darüber nachdenkt, fragt man sich noch mehr als früher, warum sich die allermeisten Plattformen ausgerechnet auf dem komplizierten und hochregulierten Wohnungsmarkt tummeln, anstatt im vergleichsweise bequemen Gewerbeimmobiliensegment. Auch erstaunlich: Von Revolution war keine Rede, jedenfalls im Gespräch mit der symphatischen Business-Developerin. Mit shareDnC befassen wir uns bei anderer Gelegenheit noch näher.

Fassen wir zusamen: 1. Die Cebit ist nichts für Immobilienunternehmen. Und wird es voraussichtlich auch nie werden. Bleibt nur, dass die Immobilienmessen sich dem Thema Technik verstärkt widmen. Irgendjemand muss die Brücke schlagen. Und die Technik-Jungs werden es nicht tun. 2. Wer Immobilienmessen langweilig findet, weil es so wenig anzufassen gibt, wird auf der CeBit auch nicht glücklicher. 3. Im Vergleich zu den aufregenden Messen in anderen Weltregionen ist die CeBit mittlerweile so bieder wie die Stadt, die sie beheimatet. Kein Wunder, dass sie ihren Rang als führende Branchenmesse verloren hat. Wer auf die MIPIM gegangen ist, hat die bessere Wahl getroffen.

Aber einen Versuch war es wert…

Schmalzbrot statt Languste: Cebit statt MIPIM

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.