Handelsimmobilienbetreiber sind dieser Tage nicht zu beneiden. Sie verdienen ihr Geld mit einer Branche, die derzeit einen strukturellen Wandel durchlebt, wie es ihn noch nie gab. Richtig leicht hatte es der Handel ja selten seit den Tagen der Ostindien-Compagnien. Doch was er derzeit durchmacht,  treibt den eher langfristig gepolten Immobilieninvestoren den kalten Schweiß auf die Stirn. Nicht nur, dass die Konsumtrends wöchentlich wechseln, kein Mensch weiß mehr, was der Kunde eigentlich will: Stationär haptisch, online virtuell, erst online anschauen, dann stationär kaufen? Oder gerade andersherum? Brrr… Die Corporate-Jungs klagen ja immer darüber, sich den ständig wechselnden Entwicklungen bei ihren industriellen Auftraggeber anpassen zu müssen. Aber mit der Abhängigkeit von Retailern würden sie sicher nicht tauschen.

Ob sie wollen oder nicht, die Vermieter müssen mit ihren Mietern mit. Die Existenzbedrohung der Mieter ist in ihrer Gesamtheit auch eine für die Vermieter. Immerhin veranlasst das die Shopping Center und Retail Szene dazu, sich deutlich intensiver mit den digitalen Entwicklungen auseinander zu setzen, als manch anderer Branchenzweig. Beispiel: Vergleich der Themen des 12. Handelsimmobilien-Kongresses mit der Programmatik von Quo Vadis 2016. Ersterer nimmt sich geschätzt drei Mal so viel Zeit und bohrt sein Thema deutlich tiefer auf, als letzterer. Sogar kritisch: „Verhelfen innovative Technologien zu einem besseren Verständnis der Besucher?“ wird dort gefragt. Gefragt, nicht einfach vorausgesetzt. „Wann, wo und wie treffen Konsumenten heute Kaufentscheidungen?“. „Wie reagieren Shopping Center Betreiber richtig auf die Bedrohung aus dem Netz?“ Das sind die Fragen. Quo Vadis lässt Jan Hebecker (Immoscout) ganze 15 Minuten die Erkenntnisse des Frühjahrsgutachtens zum – interessanten – Thema „Datenforcierte Strategien“ referieren, bevor dann doch wieder die Firma mit dem „g“ doppelt so lang zu Wort kommt. Nehmen wir das als gutes Zeichen. Die Digitalisierungsdiskussion bewegt sich endlich dahin, wo sie hingehört. Weg von den allgemeinen Megatrend – Feststellungen, hin zu den konkreten und branchenspezifischen Fragen.

Interessant ist die Entwicklung des Handels übrigens nicht nur als Spielwiese für Geschäftsmodelle im Bereich Laufwege- und Frequenzmessung, Beacon-Technologien und anderer Online-Marketing Strategien. Wenn es hier nicht zu einer friedlichen Koexistenz zwischen digital und analog kommt, könnte tatsächlich ein beträchtlicher Kollateralschaden entstehen. Nicht zu Unrecht (wenn auch nicht ganz uneigennützig) verweist die (Handels-) Immobilienbranche auf die Folgen für die Innenstädte, wenn die bereits zu verzeichnenden Umsatzrückgänge im Einzelhandel sich fortsetzen. Der lokale Buchladen ist längst durch den 33sten Coffee-Shop ersetzt. Der Tod des ein oder anderen Shopping Center auf der grünen Wiese dürfte zwar zu verschmerzen sein. Doch stärker als in anderen Bereichen, in denen die Entwicklung noch nicht recht absehbar ist, zeigt sich im Handel die ganze Komplexität und Zweischneidigkeit manch gefeierter technischer Entwicklung.

Ambivalent: Der Wandel im Handel

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